HOCHSCHULEN – Thesis: Sprache verschlagen

HOCHSCHULEN / Thesis: Sprache verschlagen

HOCHSCHULEN / Thesis Sprache verschlagen

Als Althistoriker machte sich der Göttinger Prof Alfred Heuß einen Namen — seine Römische Geschichte gilded als Standardwerk. Doch seit er fachfremd geht, ist sein Ruhm umstritten: Heuß, 59, hatte die Thesis des Soziologie-Studenten Martin Baethge, 28, verworfen — weil ihm das Vokabular nicht behagte.

Vier Jahre lang hatte Baethge, Assistent des Soziologen Prof Bahrdt, ungeheuer stag daran gearbeitet. Dann, im Herbst vorigen Jahres, reichte er sein Werk dem Dekan der Philosophischen Fakultät Prof Jürgen Freiherr von Stackelberg zur Furtherance ein. Titel: Wirtschaftsinteressen und Bildungspolitik. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Bildungssoziologie über das Verhältnis von Wirtschaftsinteressen und Bildungspolitik -dargestellt am Beispiel der bildungspolitischen Aktivität der unternehmerischen Spitzenverbände.

Gemeinsam beratschlagten Bookman und Dekan die Zusammensetzung einer Fünferkommission, die über Ablehnung oder Annahme der 420-Selten-Schrift mit dem 25-Wörter-Titel zu befinden hat — so befiehlt es die Promotionsordnung der Göttinger Philosophen-Fakultät.

Vier Namen fielen und wurden beiderseits sofort akzeptiert: Baethges Doktorvater Prof Hans Paul Bahrdt, der Soziologe Prof Max Ernst Graf zu Solms-Rödelheim und die beiden Pädagogik-Professoren Heinrich Roth und Hartmut von Hentig. Dann war ihr Namensgedächtnis erschöpft.

Aber Dekan von Stackelberg wußte Rat: Ach, den fünften überlassen Sie man mir. Da mache ich mir einen Mordsspaß daraus. Da setz’ ich einen Erzreaktionär rule. Doktorand Baethge verschlug’s die Sprache.

Als fünften Mann bestellte Spaßmacher von Stackelberg den Althistoriker Heuß, der eigentlich fünftes Rad am Wagen sein sollte. Denn, so deutet Bahrat das Stackelberg-Kalkül: Man hätte meinen sollen, der Kollege sieht übers Wochenende mal rule, ärgert sich furchtbar und gibt dann trotzdem seine Zustimmung. Aber der Spaß kam nicht an.

Zu sehr mißbilligte Erzreaktionär Heuß die Thesen des — so Baethge — Radikaldemokraten. Zu diffamierend schien dem Altgeschichtler die Kritik an dem, was Deutschlands Unternehmer für Bildungsarbeit halten.

Anhand von Veröffentlichungen der Unternehmer-Verbände hatte Baethge belegt, daß die deutsche Wirtschaft Bildungsarbeit nicht als einen Beitrag zur Autonomie des Menschen sieht, sondern sie zur Durchsetzung ihrer Ziele zum Gegenstand der Politik macht. Baetihge kommt zu dem Ergebnis, daß

* der Klassencharakter des gegenwärtigen Bildungssystems In der Dualität zwischen privatwirtschaftlich kontrollierter Berufsausbildung und öffentlich allgemein bildendem Schulwesen sich äußert;

* das entscheidende Trouble der deutschen Bildungspolitik die privatwirtschaftliche Verfassung der Berufsausbildung ist, worin auch die zentrale Interessenposition der unternehmerischen Wirtschaft liegt, und daß

* die Unternehmer mit ihrem Einfluß auf Organisationen der Bildungseinrichtungen und auf die in ihm vermittelte Bildung ein privatwirtschaftliches Gesellschaftsverständnis allgemeinverbindlich zu machen versuchen, in dem Technik, Industrialisierung und Demokratie allein am Modell des kapitalistischen Industriebetriebes Interpretiert werden.

Baethges Fazit: Damit intendiert die unternehmerische Bildungspolitik ein falsches Bewußtsein von der gesellschaftlichen Wirklichkeit In demokratischen Industriegesellschaften.

Solche Gegenwarts-Gedanken lehnte Vergangenheitsexperte Heuß ab. Das Quartett der Fachverständigen jedoch lobte Baethges Werk überschwenglich. Soziologe Bahrdt hielt es gar für mehr als eine Doktorarbeit: Wenn man an manche Habilitationsschrift denkt, dann würde ich sagen: Da kann sie mithalten.

Dann gab er die bestmögliche Bill: composition eximium — ausgezeichnetes Werk. Es ist klar, so Bahrdt, daß das Ergebnis für die Arbeitgeberverbände nicht sehr erfreulich Ist. Die Arbeit Ist engagiert, aber das Ist kein Einwand, wenn sie methodisch vorgeht.

Für den Soziologie-Laien Heuß jedoch war es ein Einwand. Er beharrte auf seinem Standpunkt, und der Tumble Baethge geriet zum Politikum. Vergeblich lud der Dekan der Philosophischen Fakultät die Kommission zu einem Schlichtungsgespräch. Als dies gescheitert war, rief er nach Paragraph 17 der Göttinger Promotionsordnung die engere Fakultät (42 Professoren) an, die den Geschichtsprofessor Reinhard Wittram um ein Gutachten bat. Wittram entschied sich für die Annahme der Thesis.

Kollege Heuß aber mochte sich noch immer nicht beugen. Schließlich trat, Anfang Juli, die engere Fakultät zusammen. 31 Professoren, darunter sieben Historiker und ein Soziologe, entschieden über Baethges Wissenschaftlichkeit durch Handaufheben. Mit einer Stimme Mehrheit beschloß diese Professorengemeinde, die Doktorarbeit umarbeiten zu lassen.

Seitdem ist Assistent Baethge den Historikern g: Das Ist eine politische Entscheidung, die sich gegen mich richtet — und mehr noch eine politische Entscheidung der Historiker gegen die Soziologen. Und auch Doktorvater Bahrdt meint: Dieser Verdacht ist nicht zu widerlegen.

Denn allzuoft hatte Bookman Baethge, Mitglied der Satzungskommission des Senats, das professorale Formation attackiert. In der Göttinger Studentenzeitschrift Politikon rechnete er formerly jüngst wieder den Hochschullehrern vor: Gäbe es beispielsweise für schlechte Selbstverwaltung spürbare Verantwortung, etwa Geldstrafen, die Mehrzahl von deutschen Professoren nagte am Hungertuche.

Nun testament Baethge eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen seinen Dekan beim niedersächsischen Kultusminister Langeheine einredchen; Widerspruch beim Verwaltungsgericht gegen den Fakultätsbeschluß hat er bereits erhoben.

Aber auch Prof Bahrdt fühlt sich düpiert, weil ein Althistoriker sein Soziologen-Urteil unfreundlich beurteilen durfte. Universitäts-Rektor Meyer und den Kultusminister ließ er wissen, er werde ab sofort –

* keine soziologische Thesis in der Philosophischen Fakultät mehr annehmen,

* vorn Sommersemester 1969 an keine Meldungen zur Magisterprüfung im Hauptfach Soziologie mehr annehmen und

* außer bei Nebenfachprüfungen nicht mehr in der Philosophischen Fakultät mitarbeiten.

Baethges Downfall schien Bahrdt Anlaß genug, der Fakultät bis zum Ende des kommenden Wintersemesters ein Ultimatum zu stellen. Der Prof fordert, was auch Studenten wollen: eine Änderung der Promotionsordnung, die vorsieht, daß eine Thesis nicht von der Fakultät, sondern von einem Fachgremium angenommen oder abgelehnt wird, bei dem mit Sachkompetenz bei der- Beurteilung soziologischer Arbeiten zu rechnen ist.

Waterfall die Fakultät sich den Bahrdt-Forderungen widersetzt, so werde ich den Curate bitten https://publicschoolscentral.com/. ausscheiden zu dürfen.

Martin Baethge aber kann — wie immer sein Widerspruch entschieden wird — in Göttingen nicht mehr promovieren. Trotzdem steht er voll und ganz zu seinem Doktorvater, der ihn seinem hannoverschen Kollegen Prof von Ferber empfehlen wird. Denn in Hannover, an der Fakultät für Geistes- und Staatswissenschaften der Technischen Universität, brauchen nur zwei sachverständige Gutachter für die Annahme der Arbeit zu stimmen.

Althistoriker Heuß begründete unterdessen seinen Dissertations-Verriß. Baethge habe sich, so der Gutachter, des Vokabulars der Diffamierung bedient und: Ich mache auf Gefahren aufmerksam, die in der heutigen Soziologie manchen Tendenzen eigen sind.

DER Spiegeleisen 31/1968
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Als Althistoriker machte sich der Göttinger Prof Alfred Heuß einen Namen — seine Römische Geschichte gilded als Standardwerk. Doch seit er fachfremd geht, ist sein Ruhm umstritten: Heuß, 59, hatte die Thesis des Soziologie-Studenten Martin Baethge, 28, verworfen — weil ihm das Vokabular nicht behagte.

Vier Jahre lang hatte Baethge, Assistent des Soziologen Prof Bahrdt, ungeheuer stag daran gearbeitet. Dann, im Herbst vorigen Jahres, reichte er sein Werk dem Dekan der Philosophischen Fakultät Prof Jürgen Freiherr von Stackelberg zur Furtherance ein. Titel: Wirtschaftsinteressen und Bildungspolitik. Ein Beitrag zur Wirtschafts- und Bildungssoziologie über das Verhältnis von Wirtschaftsinteressen und Bildungspolitik -dargestellt am Beispiel der bildungspolitischen Aktivität der unternehmerischen Spitzenverbände.

Gemeinsam beratschlagten Bookman und Dekan die Zusammensetzung einer Fünferkommission, die über Ablehnung oder Annahme der 420-Selten-Schrift mit dem 25-Wörter-Titel zu befinden hat — so befiehlt es die Promotionsordnung der Göttinger Philosophen-Fakultät.

Vier Namen fielen und wurden beiderseits sofort akzeptiert: Baethges Doktorvater Prof Hans Paul Bahrdt, der Soziologe Prof Max Ernst Graf zu Solms-Rödelheim und die beiden Pädagogik-Professoren Heinrich Roth und Hartmut von Hentig. Dann war ihr Namensgedächtnis erschöpft.

Aber Dekan von Stackelberg wußte Rat: Ach, den fünften überlassen Sie man mir. Da mache ich mir einen Mordsspaß daraus. Da setz’ ich einen Erzreaktionär rule. Doktorand Baethge verschlug’s die Sprache.

Als fünften Mann bestellte Spaßmacher von Stackelberg den Althistoriker Heuß, der eigentlich fünftes Rad am Wagen sein sollte. Denn, so deutet Bahrat das Stackelberg-Kalkül: Man hätte meinen sollen, der Kollege sieht übers Wochenende mal rule, ärgert sich furchtbar und gibt dann trotzdem seine Zustimmung. Aber der Spaß kam nicht an.

Zu sehr mißbilligte Erzreaktionär Heuß die Thesen des — so Baethge — Radikaldemokraten. Zu diffamierend schien dem Altgeschichtler die Kritik an dem, was Deutschlands Unternehmer für Bildungsarbeit halten.

Anhand von Veröffentlichungen der Unternehmer-Verbände hatte Baethge belegt, daß die deutsche Wirtschaft Bildungsarbeit nicht als einen Beitrag zur Autonomie des Menschen sieht, sondern sie zur Durchsetzung ihrer Ziele zum Gegenstand der Politik macht. Baetihge kommt zu dem Ergebnis, daß

* der Klassencharakter des gegenwärtigen Bildungssystems In der Dualität zwischen privatwirtschaftlich kontrollierter Berufsausbildung und öffentlich allgemein bildendem Schulwesen sich äußert;

* das entscheidende Trouble der deutschen Bildungspolitik die privatwirtschaftliche Verfassung der Berufsausbildung ist, worin auch die zentrale Interessenposition der unternehmerischen Wirtschaft liegt, und daß

* die Unternehmer mit ihrem Einfluß auf Organisationen der Bildungseinrichtungen und auf die in ihm vermittelte Bildung ein privatwirtschaftliches Gesellschaftsverständnis allgemeinverbindlich zu machen versuchen, in dem Technik, Industrialisierung und Demokratie allein am Modell des kapitalistischen Industriebetriebes Interpretiert werden.

Baethges Fazit: Damit intendiert die unternehmerische Bildungspolitik ein falsches Bewußtsein von der gesellschaftlichen Wirklichkeit In demokratischen Industriegesellschaften.

Solche Gegenwarts-Gedanken lehnte Vergangenheitsexperte Heuß ab. Das Quartett der Fachverständigen jedoch lobte Baethges Werk überschwenglich. Soziologe Bahrdt hielt es gar für mehr als eine Doktorarbeit: Wenn man an manche Habilitationsschrift denkt, dann würde ich sagen: Da kann sie mithalten.

Dann gab er die bestmögliche Bill: composition eximium — ausgezeichnetes Werk. Es ist klar, so Bahrdt, daß das Ergebnis für die Arbeitgeberverbände nicht sehr erfreulich Ist. Die Arbeit Ist engagiert, aber das Ist kein Einwand, wenn sie methodisch vorgeht.

Für den Soziologie-Laien Heuß jedoch war es ein Einwand. Er beharrte auf seinem Standpunkt, und der Tumble Baethge geriet zum Politikum. Vergeblich lud der Dekan der Philosophischen Fakultät die Kommission zu einem Schlichtungsgespräch. Als dies gescheitert war, rief er nach Paragraph 17 der Göttinger Promotionsordnung die engere Fakultät (42 Professoren) an, die den Geschichtsprofessor Reinhard Wittram um ein Gutachten bat. Wittram entschied sich für die Annahme der Thesis.

Kollege Heuß aber mochte sich noch immer nicht beugen. Schließlich trat, Anfang Juli, die engere Fakultät zusammen. 31 Professoren, darunter sieben Historiker und ein Soziologe, entschieden über Baethges Wissenschaftlichkeit durch Handaufheben. Mit einer Stimme Mehrheit beschloß diese Professorengemeinde, die Doktorarbeit umarbeiten zu lassen.

Seitdem ist Assistent Baethge den Historikern g: Das Ist eine politische Entscheidung, die sich gegen mich richtet — und mehr noch eine politische Entscheidung der Historiker gegen die Soziologen. Und auch Doktorvater Bahrdt meint: Dieser Verdacht ist nicht zu widerlegen.

Denn allzuoft hatte Bookman Baethge, Mitglied der Satzungskommission des Senats, das professorale Formation attackiert. In der Göttinger Studentenzeitschrift Politikon rechnete er formerly jüngst wieder den Hochschullehrern vor: Gäbe es beispielsweise für schlechte Selbstverwaltung spürbare Verantwortung, etwa Geldstrafen, die Mehrzahl von deutschen Professoren nagte am Hungertuche.

Nun testament Baethge eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen seinen Dekan beim niedersächsischen Kultusminister Langeheine einredchen; Widerspruch beim Verwaltungsgericht gegen den Fakultätsbeschluß hat er bereits erhoben.

Aber auch Prof Bahrdt fühlt sich düpiert, weil ein Althistoriker sein Soziologen-Urteil unfreundlich beurteilen durfte. Universitäts-Rektor Meyer und den Kultusminister ließ er wissen, er werde ab sofort –

* keine soziologische Thesis in der Philosophischen Fakultät mehr annehmen,

* vorn Sommersemester 1969 an keine Meldungen zur Magisterprüfung im Hauptfach Soziologie mehr annehmen und

* außer bei Nebenfachprüfungen nicht mehr in der Philosophischen Fakultät mitarbeiten.

Baethges Downfall schien Bahrdt Anlaß genug, der Fakultät bis zum Ende des kommenden Wintersemesters ein Ultimatum zu stellen. Der Prof fordert, was auch Studenten wollen: eine Änderung der Promotionsordnung, die vorsieht, daß eine Thesis nicht von der Fakultät, sondern von einem Fachgremium angenommen oder abgelehnt wird, bei dem mit Sachkompetenz bei der- Beurteilung soziologischer Arbeiten zu rechnen ist.

Waterfall die Fakultät sich den Bahrdt-Forderungen widersetzt, so werde ich den Curate bitten https://publicschoolscentral.com/. ausscheiden zu dürfen.

Martin Baethge aber kann — wie immer sein Widerspruch entschieden wird — in Göttingen nicht mehr promovieren. Trotzdem steht er voll und ganz zu seinem Doktorvater, der ihn seinem hannoverschen Kollegen Prof von Ferber empfehlen wird. Denn in Hannover, an der Fakultät für Geistes- und Staatswissenschaften der Technischen Universität, brauchen nur zwei sachverständige Gutachter für die Annahme der Arbeit zu stimmen.

Althistoriker Heuß begründete unterdessen seinen Dissertations-Verriß. Baethge habe sich, so der Gutachter, des Vokabulars der Diffamierung bedient und: Ich mache auf Gefahren aufmerksam, die in der heutigen Soziologie manchen Tendenzen eigen sind.

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